
Versorgungssicherheit, Resilienz und die Zukunftsfähigkeit der Inseln
Ein Gespräch mit Christian Stemmer, Amtsdirektor von Föhr-Amrum.
Herr Stemmer, wie ist die Energieversorgung der Inseln derzeit aufgestellt?
„Unsere Stromversorgung erfolgt über drei Seekabel, durch die Föhr zwischen einer Anlandung bei Oevenum und Emmelsbüll-Horsbüll (nahe dem Umspannwerk Toftum) an das Versorgungsnetz des Festlands angeschlossen ist. Das gibt uns eine gewisse Sicherheit und entspricht dem aktuellen Stand der Technik. Dennoch bleibt natürlich eine strukturelle Abhängigkeit vom Festland bestehen – das lässt sich geografisch nicht ändern.“
Gab es Überlegungen, die Energieversorgung stärker in eigene kommunale Hände zu legen?
„Ja, diese Überlegungen hat es gegeben. Wir haben intensiv geprüft, ob eine eigene kommunale Versorgungsgesellschaft realisierbar wäre. Letztlich sind diese Pläne jedoch an den Rahmenbedingungen und vor allem an den Kosten gescheitert. Auf den Inseln gelten besondere planerische Vorgaben. In Tourismusvorranggebieten dürfen beispielsweise keine Windkraftanlagen errichtet werden. Großflächige Photovoltaikanlagen wiederum werden in der Regel nur entlang von Bundesautobahnen oder Bahntrassen genehmigt – beides gibt es hier naturgemäß nicht. Auch Planungen für eine Erdwärmeversorgung oder eine Energiegewinnung aus Biomasse haben wir Ende 2025 aufgegeben. Die Wirtschaftlichkeit war unter den gegebenen Bedingungen nicht darstellbar.“
Gibt es dennoch Bewegung im Bereich erneuerbare Energien?
„Auf privater Ebene durchaus. Viele Hauseigentümer investieren in Wärmepumpen und nutzen Solarenergie auf ihren Dächern. Das ist eine positive Entwicklung, die wir begrüßen. Jede dezentrale Maßnahme erhöht ein Stück weit die Resilienz. Aber eine flächendeckende, kommunal gesteuerte Energieautarkie ist unter den derzeitigen Voraussetzungen nicht umsetzbar.“

Die Inseln sind zudem auf Fährverbindungen angewiesen. Welche Auswirkungen hat das?
„Die Abhängigkeit von den Fährverbindungen prägt unseren Alltag. Sämtliche Waren, Güter und Dienstleistungen müssen vom Festland auf die Inseln transportiert werden. Das macht vieles teurer als anderswo. Transportkosten, Zeitaufwand, Wetterabhängigkeit – all das wirkt sich auf Preise und Abläufe aus. Diese strukturellen Mehrkosten sind ein Standortfaktor, mit dem wir dauerhaft umgehen müssen.“
Ein weiteres Thema ist der Zivilschutz. Wie sind die Inseln hier aufgestellt?
„Der Zivilschutz ist Aufgabe der Kommunen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe – kurz BBK – geht bundesweit davon aus, dass für etwa vier Prozent der Bevölkerung eine Notfallversorgung sichergestellt werden sollte. Dabei geht es insbesondere um Betten, Notstrom und Verpflegung. Ohne Feriengäste sprechen wir auf unseren Inseln von einer Bevölkerungszahl von insgesamt rund 11.000 Menschen.“
Welche Szenarien stehen dabei im Vordergrund?
„Typische Szenarien sind ein länger andauernder Stromausfall oder ein Ereignis mit vielen Verletzten. Gerade bei einem Stromausfall wird schnell deutlich, wie abhängig wir von funktionierender Infrastruktur sind. Ohne Strom geht heute fast nichts – weder in der Wasserversorgung noch in der Kommunikation oder im Gesundheitswesen.“
Welche Maßnahmen plant das Amt konkret?
„Auch wenn es sich nicht um eine klassische Pflichtaufgabe handelt, stellen wir uns dieser Verantwortung. In den kommenden Jahren investieren wir rund 400.000 Euro in den Ausbau unserer Notfallvorsorge. Ein Schwerpunkt liegt auf der Notstromversorgung. Wir müssen entsprechende Aggregate beschaffen und gleichzeitig sicherstellen, dass öffentliche Gebäude technisch so vorbereitet sind, dass sie im Bedarfsfall angeschlossen werden können. Leider gibt es dafür weder Landes- noch Bundesfördermittel – die Finanzierung erfolgt aus eigenen Mitteln.“
Wie beurteilen Sie die Lage des Handwerks auf den Inseln?
„Erfreulicherweise finden sich weiterhin junge Menschen, die den Schritt in die Selbständigkeit wagen. Arbeit und Aufträge gibt es genug – insbesondere im Handwerk. Allerdings spüren auch wir die demografische Entwicklung. Bei jährlich etwa sechzig bis siebzig Schulabgängerinnen und Schulabgängern können wir unseren Bedarf an Auszubildenden nicht allein aus den eigenen Reihen decken. Das gilt ebenso für Fachkräfte. Deshalb sind wir auf eine enge Zusammenarbeit mit Betrieben vom Festland angewiesen.“
Was bedeutet das für die Zukunftsfähigkeit der Inseln?
„Resilienz bedeutet für uns, realistisch zu planen, Abhängigkeiten zu kennen und gleichzeitig Handlungsspielräume zu schaffen. Wir können nicht alles selbst lösen, aber wir können Strukturen so vorbereiten, dass wir im Krisenfall handlungsfähig bleiben. Genau daran arbeiten wir – Schritt für Schritt.“

